Termine

Sa., 26. September 2026 – 19:00
Do., 1. Oktober 2026 – 19:00
Fr., 2. Oktober 2026 – 19:00

Sa., 03. Oktober 2026 – 19:00
Fr., 09. Oktober 2026 – 19:00
Sa., 10. Oktober 2026 – 19:00

WEITERFÜHRENDES BEGLEITMATERIAL

Hintergründe, Begriffe und historische Einordnung zum Theaterstück „Sommer ’87“.

1. HISTORISCHER HINTERGRUND: DDR 1987

DIE DDR ALS POLITISCHE DIKTATUR

Die DDR war ein sozialistischer Staat, in dem die SED die politische Macht hatte. Für das Verständnis des Stücks ist besonders wichtig, dass politische Opposition und kritische Äußerungen nicht unter Bedingungen einer pluralistischen Demokratie stattfanden. Formal gab es zwar weitere Parteien, faktisch übte die SED allerdings eine Ein-Parteien-Herrschaft aus. Die Staatssicherheit war ein zentrales Instrument zur Absicherung der politischen Herrschaft.

DIE STAATSSICHERHEIT (MFS/STASI)

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) war Geheimdienst und zugleich ein zentrales Repressionsinstrument der DDR. Das Bundesarchiv beschreibt die Inoffiziellen Mitarbeiter als wichtigstes Instrument des MfS zur Informationsgewinnung über Bürger:innen, Gesellschaft und Institutionen.

1989 umfasste das Netz laut Bundesarchiv ungefähr 189.000 IM verschiedener Kategorien. Die Zahl zeigt die Größenordnung des Systems, bedeutet aber nicht, dass jeder Mensch in der DDR von einem persönlichen Spitzel überwacht wurde.

IM – WAS BEDEUTET DAS?

„IM“ steht für „Inoffizieller Mitarbeiter“. IM arbeiteten verdeckt mit dem MfS zusammen und lieferten Informationen. Das Bundesarchiv weist darauf hin, dass sie unter anderem über Stimmungen und Meinungen in der Bevölkerung berichteten. Motive und konkrete Rollen waren unterschiedlich.

MEINUNGSFREIHEIT UND ZENSUR

Heute schützt Artikel 5 des Grundgesetzes die freie Meinungsäußerung sowie Presse- und Berichterstattungsfreiheit. Die Bundeszentrale für politische Bildung erklärt Zensur als staatliche Kontrolle beziehungsweise das Verbot von Medieninhalten und unterscheidet Vor- und Nachzensur.

Obwohl die DDR-Verfassung formal Meinungs- und Pressefreiheit versprach und die SED-Führung eine Zensur bestritt, wurden Presse, Medien und Literatur stark staatlich kontrolliert. Druckgenehmigungsverfahren, Berufsverbote und strafrechtliche Verfolgung konnten kritischen Akteur:innen die Arbeitsgrundlage entziehen.

ALLTAG UND JUGEND

Das Leben in der DDR bestand nicht nur aus Politik und Überwachung. Menschen arbeiteten, gingen zur Schule, pflegten Freundschaften, hörten Musik, feierten und entwickelten Zukunftswünsche, auch wenn ihr Alltag dabei vom politischen und wirtschaftlichen System geprägt war. Dieses Spannungsfeld zeigte sich deutlich in der Freien Deutsche Jugend (FDJ). Als staatliche Massenorganisation für Jugendliche sollte sie die junge Generation zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erziehen. Dabei bot die FDJ neben Propagandaaktionen und Arbeitseinsätzen auch begehrte Freizeitangebote wie etwa Jugendclubs an.

Diese enge Verbindung zwischen privater Lebenswelt und staatlicher Einflussnahme greift auch „Sommer ’87“ auf: Die Jugendlichen sprechen über ganz persönliche Zukunftsvorstellungen und thematisieren zugleich Reisebeschränkungen, Kontrolle und Freiheit.

2. WORTERKLÄRUNGEN

DDR

Deutsche Demokratische Republik.

Von 1949 bis 1990 bestehender Staat in der sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise auf dem Gebiet der späteren ostdeutschen Länder.

MFS / STASI

Ministerium für Staatssicherheit.
Geheimdienst der DDR und wichtiges Instrument der politischen Repression.

IM

Inoffizieller Mitarbeiter.
Verdeckt mit dem MfS zusammenarbeitende Person, die Informationen lieferte oder je nach Kategorie weitere Aufgaben übernahm.

ZENSUR

Kontrolle beziehungsweise Verbot von Medieninhalten, insbesondere durch staatliche Stellen. Die bpb unterscheidet Vor- und Nachzensur.

MEINUNGSFREIHEIT

Recht, eigene Meinungen zu bilden, zu äußern und zu verbreiten. In Deutschland durch Artikel 5 GG geschützt.

ZIVILCOURAGE

Mut, in einer konkreten Situation für andere oder für eine Überzeugung einzustehen, obwohl dies persönliche Nachteile bringen kann.

MANGELWIRTSCHAFT

Wirtschaftssituation, in der bestimmte Waren nicht jederzeit oder nicht in ausreichender Menge verfügbar sind. Im Stück wird dies über Alltagsszenen thematisiert.

3. JUGEND UND SCHULE: DIE EOS

Die Handlung verortet die Jugendlichen an der EOS Rosa Luxemburg in Neubrandenburg. EOS steht für ERWEITERTE OBERSCHULE. Dies war eine Schulform der DDR, die zum Abitur führte und damit den Zugang zu einem Hochschulstudium eröffnete. Der Zugang zur EOS war stark politisch gesteuert. Entscheidend hierfür waren die politische Einstellung der gesamten Familie, Engagement in Organisationen und gute schulische Leistungen. Nur ca. 8-14% eines Jahrgangs wurden zugelassen. Das Ziel des Bildungssystems war die Herausbildung eines sozialistischen Bewusstseins und gut ausgebildete Arbeitskräfte für die Produktionsbetriebe. Auch nach dem Abitur war der Zugang zur Universität stark beschränkt und Studieren hauptsächlich in Fächern möglich, die gemäß dem Wirtschaftsplan gebraucht wurden.

 

Im Stück ist die Schule zugleich ein Ort von Bildung und Kontrolle und der Zugang selbst ein politischer Auswahlprozess. Die Jugendlichen lernen dort, arbeiten an Theaterstücken, diskutieren – und wissen gleichzeitig, dass Äußerungen über Politik Konsequenzen haben können. Diese Spannung zwischen Erziehung, Anpassung und eigener Meinungsbildung ist ein zentraler Bestandteil der Dramaturgie. Die konkrete Schule „EOS Rosa Luxemburg“ und die Figuren der Theatergruppe gehören zur fiktionalen Welt des Stücks. Die Existenz der Schulform EOS ist dagegen historisch belegt.

HINWEIS

Das Stück verwendet mit „Rosa Luxemburg“ einen historischen Namen, der in der DDR häufig politisch aufgeladen war. Die konkrete Schule in der Handlung sollte nicht automatisch mit einer realen Schule gleichgesetzt werden.

4. ALLTAG: MANGELWIRTSCHAFT, WESTFERNSEHEN UND REISEFREIHEIT

MANGELWIRTSCHAFT

„Sommer ’87“ greift lange Schlangen und knappe Lebensmittel auf. Historisch gab es erhebliche Versorgungslücken, besonders bei hochwertigen Konsumgütern, Fleisch, Obst und Gemüse sowie technischen Produkten.

Das bedeutete nicht, dass es gar nichts gab. Die Versorgung war ungleichmäßig und von Wartezeiten, Beziehungen und Improvisation geprägt. Ost-Berlin wurde seit einem Ministerratsbeschluss von 1974 bevorzugt beliefert.

WESTFERNSEHEN UND WESTMUSIK

Obwohl die SED westliche Medien bekämpfte, blieben sie Teil des Alltags vieler DDR-Bürger:innen. Im Nordosten der DDR war Westfernsehen technisch kaum empfangbar; Westradio und Kassettenkopien glichen dies teilweise aus.

Der Staat ging gegen Aufnahmen und die offene Identifikation mit westlichen Subkulturen rigoros vor. Gerade Jugendliche nutzten westliche Musik und Medien dennoch zur eigenen kulturellen Orientierung.

REISEFREIHEIT

Die Sehnsucht nach Reisen ist im Stück ein wiederkehrendes Motiv. Urlaubsreisen in den Westen waren für die breite Bevölkerung nahezu unmöglich und im Wesentlichen auf sozialistische Staaten begrenzt.

Wer einen offiziellen Ausreiseantrag stellte, konnte mit gesellschaftlichem Ausschluss, dem Verlust des Arbeitsplatzes und gezielter staatlicher Überwachung konfrontiert werden.

5. POLEN UND SOLIDARNOŚĆ (SOLIDARITÄT) – EIN WICHTIGER BEZUG

Im fiktiven Stück erkennt der Lehrer eine Ähnlichkeit zu Polen und fragt nach der Gewerkschaft Solidarność. Dieser Hinweis ist historisch besonders interessant.

In Polen entstand 1980 aus Streiks die unabhängige Gewerkschaft Solidarność. Sie entwickelte sich zu einer großen gesellschaftlichen Bewegung für soziale und politische Rechte. Nach der Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 wurden mehr als 3.000 Personen verhaftet; Solidarność musste im Untergrund weiterarbeiten und wurde im Oktober 1982 per Gesetz aufgelöst.

Für Oppositionelle in anderen sozialistischen Staaten zeigte ihre Geschichte, dass organisierter gesellschaftlicher Druck möglich war. Für die DDR-Führung war Polen ein warnendes Beispiel: Eine breite unabhängige Bewegung stellte die politische Monopolstellung der kommunistischen Partei infrage.

Der Bezug im Theaterstück funktioniert deshalb doppelt – als Hinweis auf ein reales Vorbild und darauf, dass politische Entwicklungen im Ostblock miteinander verbunden waren.

Die unabhängige Gewerkschaft Solidarność wurde zu einem wichtigen Vorbild für gesellschaftlichen Widerstand im Ostblock.

6. Erfurt-Fahrt mit dem Ensemble

Was für eine tolle und spannende Zeit. Gemeinsam mit dem Ensemble von „Sommer 87“ ging es mit dem Zug Richtung Erfurt. Denn wenn man Stück mit historischem Kontext spielt, sollte man sich mit dem Inhalt auskennen und sich ein eigenes Bild schaffen. Daher war es uns wichtig dieses Thema auch spürbarer und nahbar für die Jugendlichen zu machen, gerade wenn man nicht zu dieser Zeit gelebt hat.

Für das Ensemble ging es also für drei Tage nach Erfurt, eine Stadt, die historisch viel zu bieten hat. Unser Fokus lag auf der Zeit der DDR. Dort besuchten wir gemeinsam eine DDR-Ausstellung, die mit Alltagsgegenständen (Radios, Autos, Spielsachen usw.) aus dieser Zeit gefüllt war. Das Besondere an dieser Ausstellung war das Eintauchen in den damaligen Alltag, den die Jugendlichen mit dem Benutzen aller Gegenstände zu spüren bekommen haben. Am letzten Tag ging es für uns in die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße. Dort hatten wir Einblick in die Bereiche Stasi, Haft und Flucht. Des Weiteren hatten die Jugendlichen die Möglichkeit mit einem Zeitzeugen, der selbst in U-Haft im Stasigefängnis „Andreasstraße“ saß, in den Austausch zu gehen. Dies war ein besonderer Moment, da die Inhalte aus der Führung zuvor, vertieft werden konnten.

Insgesamt wurde die Probenphase von Sommer 87 immer wieder mit Gesprächen von Zeitzeug/innen begleitet. Somit hatten die Jugendlichen einen genaueren Einblick in das Leben in der DDR und konnten sich besser mit dem Inhalt identifizieren. Die spannenden Erlebnisse der Personen konnten wir gut für unsere Vorbereitung mit dem Stoff verwenden und rundetet den Entwicklungsprozess ab.

Was fällt dir zur DDR ein?

Reflexionen

7. LITERATURQUELLEN​

Leonie Hilbert: „Sommer ’87“. Ansichtsexemplar, theaterbörse GmbH.

Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv: „Aufgaben und Struktur“.

Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv: „Die DDR-Staatssicherheit – Schild und Schwert der Partei“.

Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv: „Quellen für die Schule 1: Jugendliche Inoffizielle Mitarbeiter (IM)“. Besonders geeignet für eine vertiefende Unterrichtseinheit mit historischen Aktenauszügen.

Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv: MfS-Lexikon „Inoffizieller Mitarbeiter (IM)“.

Bundesarchiv / Stasi-Unterlagen-Archiv: „Die DDR-Staatssicherheit – Schild und Schwert der Partei“

Bundesarchiv / Stasi-Unterlagen-Archiv: „Inoffizieller Mitarbeiter (IM)“

Bundesarchiv / Stasi-Unterlagen-Archiv: „Was war die Stasi?“

Bundesarchiv: „Abteilung 26 (Telefonüberwachung)“

Bundesarchiv: „Die Umweltbibliothek – Stasi-Razzia 1987“

Bundesstiftung Aufarbeitung: „Historischer Kalenderdienst“

Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur: „13. Dezember 1981: Die kommunistische Regierung Polens ruft das Kriegsrecht aus“

Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): „Fernsehen der DDR/Staatsfernsehen“

Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): „Gesellschaft und Alltag in der DDR“, Günther Heydemann.

Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): „Kulturpolitik und literarische Zensur in der DDR“

Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): „Lebensmittelversorgung“

Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): „Meinungsfreiheit“.

Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): „Zensur“.

Bundeszentrale für politische Bildung: „Solidarność – Die unvollendete Geschichte der europäischen Freiheit“

Bundeszentrale für politische Bildung: „Streben nach Mündigkeit – Die unabhängige Friedensbewegung“

Bundeszentrale für politische Bildung: „Vorreiter des Umbruchs im Ostblock – Von der Solidarność zum Kriegsrecht“

DDR Museum Berlin, Ausstellung „Ökonomie des Mangels“ (2026)

DDR Museum Berlin, Blog „FDJ – Freie Deutsche Jugend in der DDR“

DDR Museum Berlin, Blog, „Populäre Musik in der DDR – Zwischen Repression und Liberalisierung“

Jugendopposition in der DDR: „Erweiterte Oberschule (EOS)“

Jugendopposition in der DDR: „Verweigerung der Reiseerlaubnis“

MDR: „Erweiterte Oberschule (EOS) in der DDR“

Stiftung Haus der Geschichte / LeMO: „Alltag“

Stiftung Haus der Geschichte / LeMO: „Ausreise“

Stiftung Haus der Geschichte / LeMO: „Fernsehen“

Stiftung Haus der Geschichte / LeMO: „Mangelwirtschaft“

Stiftung Haus der Geschichte / LeMO: „Reisefreiheit“

Stiftung Haus der Geschichte/LeMO: „Mangelwirtschaft“

8. ABBILDUNGSNACHWEISE

Abbildung 1 – FDJ: https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/FDJ-und-Pionierorganisation-praegen-Kindheit-und-Jugend-in-der-DDR,fdj100.html

Abbildung 2 – DDR-Flagge: https://de.wikipedia.org/wiki/Flagge_der_Deutschen_Demokratischen_Republik

Abbildung 3 – Schule: https://virtuelles-ddrmuseum.de/img/content/ddrschule70er/ddrschule70erjahre_3.jpg

Abbildung 4 – Protest Solidarność: https://tse3.mm.bing.net/th/id/OIP.P0YCTWBCPua4s3tWf-mxUQHaEc?r=0&rs=1&pid=ImgDetMain&o=7&rm=3

Abbildung 5 – Deutschlandkarte mit Besatzungszonen: https://de.wikipedia.org/wiki/Zonenrandgebiet

Digitale Umsetzung​
Programmheft/Begleitmaterial

Kilian Proske

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